Ein Rundgang durch unsere Methoden und Abläufe — geschrieben für jemanden, der noch nie hier war. Stell dir vor, morgen ist dein erster Tag. Dieser Text erklärt dir, was du sehen wirst, wie es funktioniert und warum wir es so machen.
Vieles an der Anne Frank sieht anders aus als an einer „normalen" Schule: Kinder, die morgens selbst entscheiden, wann sie reinkommen. Unterricht, der „Lernbüro" oder „Werkstatt" heißt statt Mathe oder Deutsch. Erwachsene, die sich Lernbegleiter*innen nennen. Dieser Leitfaden nimmt dir die Fachbegriffe ab und übersetzt sie in das, was im Alltag tatsächlich passiert.
Am schnellsten verstehst du die Schule, wenn du einmal einen Schultag durchläufst. So sieht er aus:
Die drei fett gedruckten Formate — Lernbüro, Werkstatt und Zukunftswerkstatt — sind das Herz des Unterrichts. Die schauen wir uns jetzt einzeln an.
Im Lernbüro lernen die Kinder die „klassischen" Fächer — aber nicht so, dass vorne jemand erklärt und alle gleichzeitig dasselbe tun. Ein Lernbüro ist eine Organisationsform für selbstorganisiertes Lernen: Die Schule stellt Aufgaben, Material und Themen bereit, und die Kinder entscheiden innerhalb eines Rahmens selbst über Tempo und Schwierigkeitsgrad. Statt Unterricht zu halten, begleitest du das Lernen — du bist Ansprechpartner*in, Coach und Feedbackgeber*in.
Weil Kinder unterschiedlich schnell und unterschiedlich weit sind. Das Lernbüro macht Differenzierung zum Normalfall und übt ganz nebenbei Zukunftskompetenzen: Zeitmanagement, Eigenverantwortung, Selbsteinschätzung. Und praktisch: Weil das System auf Selbstorganisation baut, lassen sich auch Vertretungen gut auffangen.
Erwarte nicht die Kontrolle einer Frontalstunde — deine Wirkung entsteht in den Einzelgesprächen. „Sandwich" heißt nicht Chaos: Es gibt klare Rituale, an denen du dich festhalten kannst. Frag im Team nach der Sandwich-Vorlage für dein Fach.
Während das Lernbüro Grundlagen sichert, geht es in der Werkstatt in die Tiefe und ins Projekt. Werkstätten sind nach dem Modell Deeper Learning (nach Prof. Anne Sliwka) aufgebaut. Die Idee: Kinder eignen sich Wissen nicht nur an, sondern erzeugen selbst Wissen und wenden es auf etwas Echtes an. Jede Werkstatt läuft in drei Phasen — planbar für eine Doppelstunde oder eine ganze Unterrichtsreihe:
Wissen bleibt hängen, wenn man es nutzt, statt es nur für den Test abzuspeichern. Der echte Adressat am Ende (Phase 3) sorgt für echte Motivation — die Arbeit hat einen Sinn über die Note hinaus.
Wenn du eine Werkstatt planst, denk vom Ende her: Welches echte Produkt soll entstehen und für wen? Dann ergeben sich Phase 1 und 2 fast von selbst.
Die Zukunftswerkstatt ist fächerübergreifend und dreht sich um die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Sie verbindet Deeper Learning mit dem FREI DAY-Konzept der Initiative „Schule im Aufbruch" (mitbegründet von Margret Rasfeld). Hier arbeiten die Kinder in freier Projektarbeit an Fragen, die sie selbst bewegen.
Nicht Schulfächer stehen im Mittelpunkt, sondern das Verbinden von Wissen und Handeln für eine bessere Welt. Kinder erleben früh Selbstwirksamkeit: „Ich kann etwas verändern."
Freitags (im Gemeinsamen Ankommen) tagt der Klassenrat — ein basisdemokratisches Forum, in dem Kinder und Lehrkraft gleichberechtigt über Anliegen, Konflikte und Projekte der Klasse sprechen und abstimmen. Die Kinder übernehmen feste Rollen (Vorsitz, Protokoll, Zeit- und Regelwächter*in), oft beginnt die Sitzung mit einer Loberunde. Deine Rolle als Erwachsene*r: „Begleiter*in, nicht Regent*in" — du gibst Verantwortung ab und hältst dich zurück.
Den klassischen Elternsprechtag gibt es bei uns nicht — an seine Stelle tritt das LEG. Hier sitzen Kind, Eltern und Klassenleitung zusammen. Das Besondere: Im Mittelpunkt steht das Kind als aktiver Gesprächspartner — die Eltern hören vor allem zu. Es wird also mit dem Kind gesprochen, nicht über es.
Das Logbuch ist das persönliche Steuerungsheft jedes Kindes: Planer, Zielheft, Reflexionsort und Kommunikationsbrücke zwischen Schule und Elternhaus in einem. Klassenleitungen kontrollieren es regelmäßig; auch kurze Absprachen mit Schüler*innen werden hier notiert.
All diese Formate tragen nur, wenn die Haltung stimmt. Zwei Begriffe hörst du bei uns ständig:
Die Psychologin Carol Dweck unterscheidet zwei Denkweisen: das Fixed Mindset („Können ist angeboren und feststehend") und das Growth Mindset („Fähigkeiten wachsen durch Anstrengung, Übung und Feedback"). Wir setzen konsequent auf Letzteres. Daraus folgt eine positive Fehlerkultur: Fehler sind kein Beweis von Unfähigkeit, sondern sichtbare Lernprozesse — sie zeigen genau, wo als Nächstes Wachstum möglich ist.
Lob die Anstrengung und die Strategie, nicht das Talent („Du hast das clever gelöst" statt „Du bist so schlau"). Und denk an die LEG-Reihenfolge: erst das Können, dann das Nächste.
Der rote Faden durch alle Formate ist ein Rollenwechsel: weg von der Person, die vorne alles steuert, hin zur Lernbegleitung, die Verantwortung an die Kinder abgibt und sie beim eigenständigen Lernen coacht. Für diese Rolle gibt es die „Lernbegleiterjourney", einen Selbstlernkurs — die Schule sponsert ihn und empfiehlt ihn dringend.
So viel Freiheit braucht einen klaren, gemeinsamen Rahmen. Der heißt bei uns RAD: Respekt, Aufmerksamkeit, Disziplin — der Merksatz dazu ist „Duisburg schlägt keiner" (DSK). Das RAD gilt sichtbar für alle, auch für uns Mitarbeitende.
Wichtig ist die gemeinsame Linie: immer wieder aufs RAD verweisen und an einem Strang ziehen. Multiplikator*innen (u. a. Markus Kay) führen neue Kolleg*innen und Klassen ins RAD ein.
Die AFG-spezifischen Abläufe stammen aus dem schulinternen Onboarding-Wiki. Die Erklärungen der Methoden sind mit folgenden Quellen abgeglichen: